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Ernährung

Warum dein Bauchumfang mehr sagt als die Waage

Zwei Menschen wiegen gleich viel und tragen doch ein ganz anderes Risiko. Entscheidend ist, wo das Fett sitzt. Ein Maßband zeigt es dir.

Heiko Rabenstein
·
October 21, 2026
·
5
Min. Lesezeit

Zwei Menschen stehen nacheinander auf der Waage. Beide wiegen 85 Kilo, beide sind 1,75 Meter groß. Ihr BMI ist gleich. Trotzdem kann ihr Risiko für Herz und Stoffwechsel weit auseinanderliegen. Der Unterschied liegt darin, wo das Fett sitzt.

Darüber hat Prof. Matthias Blüher kürzlich im Podcast Modern Medicine gesprochen. Er ist Diabetologe und leitet die Adipositas-Ambulanz der Uniklinik Leipzig, also gar nicht weit weg vom Erzgebirge. Seine Botschaft ist unbequem und zugleich ermutigend. Ich habe mir die Studien angesehen, auf die er sich stützt.

Animation, zwei Menschen mit je 85 Kilo, Querschnitt durch den Bauch zeigt Unterhautfett und inneres Bauchfett, dazu das Maßband mit der Regel Taille kleiner als halbe Körpergröße

Welches Fett macht Probleme?

Fett ist zunächst ein nützliches Gewebe. Es speichert Energie, polstert Organe und federt am Fußballen jeden Schritt ab. Das Fett unter der Haut, das du mit den Fingern greifen kannst, ist vergleichsweise träge. An Hüfte, Po und Oberschenkeln gilt es für den Stoffwechsel als eher harmlos.

Anders sieht es mit dem Fett im Inneren des Bauches aus. Fachleute nennen es viszerales Fett, gemeint ist das Fett rund um Leber und Darm. Laut Blüher ist dieses Depot hormonell deutlich aktiver. Es gibt Botenstoffe und freie Fettsäuren ins Blut ab und kann eine leise Dauerentzündung im Körper befeuern. Das gilt als ein Weg zu Diabetes, Fettleber und Bluthochdruck.

Ob du eher am Bauch oder an der Hüfte einlagerst, hängt stark von Genen und Hormonen ab. Männer legen von Haus aus eher am Bauch an. Bei Frauen wandert das Fett nach den Wechseljahren oft ebenfalls Richtung Bauch.

Gibt es gesundes Übergewicht?

Manche Menschen haben viel Körperfett und trotzdem gute Werte. In der Forschung heißt das „metabolisch gesunde Adipositas“. Eine britische Studie mit rund 3,5 Millionen Erwachsenen hat genau diese Gruppe untersucht. Verglichen wurden Menschen mit starkem Übergewicht, aber ohne Diabetes, Bluthochdruck oder erhöhte Blutfette, mit Normalgewichtigen ohne diese Befunde.

Im Mittel 5,4 Jahre lang wurden die Teilnehmer beobachtet. Die vermeintlich Gesunden mit Übergewicht hatten ein um 49 Prozent höheres Risiko für die koronare Herzkrankheit, also verengte Herzkranzgefäße. Ihr Risiko für eine Herzschwäche war fast doppelt so hoch. Beim Schlaganfall war der Abstand mit 7 Prozent klein. Blüher spricht deshalb von einer falschen Sicherheit.

Die Studie zeigt noch etwas, das oft untergeht. Auch normalgewichtige Menschen mit Stoffwechselproblemen trugen ein deutlich erhöhtes Risiko. Schlank aussehen heißt also nicht automatisch, innen gesund zu sein. Gerade bei wenig Muskulatur kann viel Fett im Bauch sitzen, ohne dass der BMI anschlägt.

Was du selbst messen kannst

Der BMI rechnet nur Gewicht gegen Größe. Er sieht weder, ob die Kilos Muskeln oder Fett sind, noch wo das Fett liegt. Eine internationale Expertenkommission hat deshalb Anfang 2025 im Fachblatt The Lancet Diabetes & Endocrinology empfohlen, den BMI nur als ersten Filter zu nutzen. Dazu soll mindestens ein weiteres Maß kommen, etwa der Taillenumfang oder das Verhältnis von Taille zu Körpergröße.

Dieses Verhältnis kannst du zu Hause bestimmen. Leg ein Maßband auf halber Höhe zwischen unterster Rippe und Beckenkamm an und teile den Wert durch deine Körpergröße. Die britische Gesundheitsbehörde NICE rät, unter 0,5 zu bleiben. Dein Bauchumfang sollte also kleiner sein als die halbe Körpergröße. Bei 1,75 Meter wären das weniger als 87,5 Zentimeter. Ab 0,6 sieht NICE ein weiter erhöhtes Risiko. Die Einteilung gilt laut NICE für Erwachsene mit einem BMI unter 35.

Körperfettwaagen und die Bioimpedanz-Messung, bei der schwacher Strom durch den Körper läuft, schätzen die gesamte Fettmasse recht ordentlich. Das innere Bauchfett trennen sie laut Blüher aber nur ungenau vom Fett unter der Haut. Wirklich genau gelingt das erst im MRT. Für den Alltag genügt das Maßband als Richtwert. Langzeitzucker, Blutfette und Blutdruck lässt du am besten beim Hausarzt prüfen.

Wo die Belege dünner sind

Die britische Studie hat Daten aus Hausarztpraxen ausgewertet. Als stoffwechselgesund galt, wer keine Diagnose für Diabetes, Bluthochdruck oder erhöhte Blutfette in der Akte hatte. Unentdeckte Fälle rutschen da durch. Außerdem zeigt eine solche Beobachtung einen Zusammenhang und keinen Beweis für Ursache und Wirkung. Alter, Rauchen und soziale Lage wurden herausgerechnet, Bewegung und Fitness dagegen nicht.

Auch die Taillen-Regel hat Kritiker. Forscher der Universität Wolverhampton bemängeln, dass ein fester Grenzwert kleine Menschen strenger bewertet als große. Und ob Krafttraining gezielt die Fettverteilung verbessert, ist nach Blühers eigener Aussage noch nicht gut untersucht. Plausibel ist es, ein sauberer Beleg fehlt bisher.

Was das für dich heißt

Die ermutigende Nachricht kommt aus Finnland. 522 Menschen mit Übergewicht und erhöhtem Blutzucker bekamen entweder eine intensive Beratung zu Ernährung und Bewegung oder die übliche Versorgung. Die Beratungsgruppe hatte nach zwei Jahren im Schnitt nur 3,5 Kilo abgenommen. Ihr Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, sank trotzdem um 58 Prozent.

Blühers wichtigster Rat ist schlicht. Behalte Gewicht und Bauchumfang im Blick und reagiere früh. Fünf Kilo mehr lassen sich viel leichter wieder loswerden als dreißig. Beim Essen helfen mehr Gemüse und Ballaststoffe und weniger Süßes und Alkohol. Regelmäßiges Muskeltraining sorgt dafür, dass du beim Abnehmen vor allem Fett verlierst und deine Muskulatur behältst.

Ich würde mir wünschen, dass neben jeder Waage ein Maßband liegt. Unsere Trainer sind da, wenn du daraus einen Plan machen willst, der zu deinem Alltag passt. Wie das bei uns konkret aussieht, zeigt unser Programm Figur formen.

Science-Check

Gut belegt: Menschen mit starkem Übergewicht, aber ohne diagnostizierten Diabetes, Bluthochdruck oder erhöhte Blutfette hatten in einer Auswertung von 3,5 Millionen britischen Erwachsenen ein um 49 Prozent höheres Risiko für die koronare Herzkrankheit und ein fast doppelt so hohes Risiko für Herzschwäche als Normalgewichtige ohne diese Befunde. In der finnischen Diabetes-Präventionsstudie senkte eine Lebensstil-Beratung mit durchschnittlich 3,5 Kilo Gewichtsverlust das Diabetes-Risiko um 58 Prozent. Internationale Fachleute empfehlen, den BMI um ein Maß für die Fettverteilung wie den Taillenumfang zu ergänzen.

Wacklig: Die britische Studie beruht auf Praxisakten, unentdeckte Erkrankungen und die Fitness der Teilnehmer wurden nicht erfasst, sie zeigt einen Zusammenhang und keine Ursache. Der Grenzwert 0,5 für das Verhältnis von Taille zu Größe bewertet laut Kritikern kleine Menschen strenger. Dass Krafttraining die Fettverteilung gezielt verbessert, ist plausibel, aber noch nicht gut untersucht. Die Rolle von Stress und Cortisol für das Bauchfett im Alltag ist unklar.

Quellen
  1. Caleyachetty R, Thomas GN, Toulis KA et al. Metabolically Healthy Obese and Incident Cardiovascular Disease Events Among 3.5 Million Men and Women. Journal of the American College of Cardiology 2017, 70(12), 1429–1437. doi.org
  2. Tuomilehto J, Lindström J, Eriksson JG et al. Prevention of type 2 diabetes mellitus by changes in lifestyle among subjects with impaired glucose tolerance. New England Journal of Medicine 2001, 344(18), 1343–1350. doi.org
  3. Rubino F, Cummings DE, Eckel RH et al. Definition and diagnostic criteria of clinical obesity. The Lancet Diabetes & Endocrinology 2025, 13(3), 221–262. doi.org
  4. NICE. Keep the size of your waist to less than half of your height, NICE recommends. Pressemitteilung vom 6. Oktober 2022. nice.org.uk
  5. Modern Medicine mit Alessandro Falcone, Folge 82. Das gefährliche Fett mit Prof. Matthias Blüher, Uniklinik Leipzig. open.spotify.com