Blue Zones – Mythos mit Geburtsfehler
Fünf Orte, an denen die Menschen besonders alt werden. Die Geschichte kennt fast jeder. Ein Forscher aus Oxford hat nachgesehen, wie alt die Hundertjährigen dort wirklich sind.

Warum dieser Artikel? Weil uns die Blue Zones seit Jahren als Vorbild verkauft werden. In Zeitschriften, Talkshows und einer Netflix-Serie gelten die Hundertjährigen aus Okinawa oder Sardinien als Beweis dafür, wie gesundes Leben geht. Drumherum ist eine ganze Industrie entstanden, mit Büchern, Fertiggerichten und Reisen, und mancher Anbieter von Nahrungsergänzungsmitteln wirbt mit denselben Bildern.
Ich habe das lange selbst geglaubt, auch wenn ich schon eine Weile skeptisch war. Zuletzt dachte ich eher, das Geheimnis dieser Orte sei die Gemeinschaft. Menschen, die gesehen und gebraucht werden, bleiben bekanntermaßen gesünder, und genau dieses Miteinander hat uns als Menschheit evolutionär groß gemacht. Dann las ich einen Artikel des Gesundheitspsychologen Lutz Hertel und war erstaunt.
Dieser Artikel ist auch der Grund, warum es ab heute dieses Magazin gibt. Hier teilen wir mit dir, was wir im Studio lesen, prüfen und jeden Tag erleben. Es geht um Gesundheit und Langlebigkeit, vor allem darum, gesund alt zu werden. Und es geht um ganz alltägliche Dinge wie eine gute Haltung. Jetzt aber zum Thema.
Okinawa, Sardinien, Ikaria, Nicoya und Loma Linda. An diesen fünf Orten sollen auffallend viele Menschen über hundert werden. Bekannt gemacht hat sie der amerikanische Journalist Dan Buettner, samt neun Lebensregeln, die er „Power 9" nennt. Viel Gemüse, Bewegung im Alltag, Familie, ein Grund, morgens aufzustehen. Die Geschichte passt zu allem, was wir im Studio jeden Tag vertreten.
Gerade deshalb lohnt ein zweiter Blick. Eine Geschichte, die man gerne glaubt, prüft man selten. Hertels Artikel führt zu einem Forscher, der sich die Papiere der Hundertjährigen angesehen hat.
Wie alt ist ein Hundertjähriger wirklich?
Saul Newman ist Demograf, er forscht an der Universität Oxford und am University College London. Sein Ausgangspunkt ist eine einfache Rechnung. Angenommen, im Register steht bei einem Vierzigjährigen versehentlich fünfzig. Dieser Mensch ist zehn Jahre jünger als sein angeblicher Jahrgang und stirbt deshalb seltener. Jahr für Jahr sterben die echten Alten weg, die Fehler bleiben. Unter den Hundertzehnjährigen sind am Ende viele, die in Wahrheit jünger sind. Dafür reicht schon eine winzige Fehlerquote.
Dazu kommt Betrug. Wer den Tod der Großmutter nicht meldet, bezieht ihre Rente weiter. In Italien bekamen 1997 rund 30.000 Tote weiter Rente. In Griechenland lebten 2012 mindestens 72 Prozent der im Zensus gemeldeten Hundertjährigen nicht mehr.
Was Geburtsurkunden verändern
Am deutlichsten wird es in den USA. Die Bundesstaaten haben Geburtsurkunden zu sehr verschiedenen Zeiten flächendeckend eingeführt. Newman hat für 42 Staaten verglichen, wie viele spätere Hundertzehnjährige vor und nach der Umstellung geboren wurden. Danach fällt ihre Zahl um 80 Prozent, je Einwohner gerechnet um 69 Prozent. Gesünder oder ungesünder gelebt hat in diesen Jahren niemand. Es gab nur auf einmal ein Papier, an dem sich das Alter prüfen ließ.
In Europa findet er ein Muster, das zur schönen Geschichte nicht passt. In England, Frankreich, Italien und Japan leben die meisten Höchstbetagten dort, wo die Menschen ärmer sind, die Register lückenhafter und die Lebenserwartung im Schnitt kürzer. In England liegt der Spitzenreiter in Tower Hamlets, einem armen Bezirk im Osten Londons. Dort leben die wenigsten über Neunzigjährigen des Landes und zugleich, je Einwohner, die meisten über Hundertfünfjährigen. Biologisch erklärt sich das kaum.
Und die Blue Zones selbst?
In Nicoya in Costa Rica hatten bei einer Prüfung im Jahr 2000 42 Prozent der über 99-Jährigen ihr Alter falsch angegeben. Nach der Korrektur schrumpfte die Zone um rund neun Zehntel. Für Loma Linda in Kalifornien schätzt die US-Gesundheitsbehörde CDC eine ganz gewöhnliche Lebenserwartung. Aufgenommen wurde der Ort nach Buettners eigener Darstellung, weil ein Redakteur von National Geographic einen Standort in den USA haben wollte. Sardinien und Ikaria landen in der EU-Statistik zum Überleben ab 85 im breiten Mittelfeld.
Die Verteidiger der Blue Zones haben inzwischen selbst nachgegeben. In einem Fachartikel von 2025 räumen die Forscher Steven Austad und Giovanni Pes ein, dass Okinawa nicht mehr als Blue Zone gilt, dass Nicoya schrumpft und dass auf Ikaria die Ältesten weitgehend ohne Geburtsurkunden geprüft wurden. Seit 2026 gibt es eine neue Definition. Gezählt wird die Lebenserwartung ab 70, nicht mehr die Zahl der Hundertjährigen.
Dabei hilft es zu wissen, dass „Blue Zones" eine eingetragene Marke ist. Buettner verkaufte sein Unternehmen 2020 für berichtete 78 bis 80 Millionen Dollar. Daran hängen Bücher, Fertiggerichte, Zertifikate für Städte und Reisen, etwa eine Woche Okinawa für 4.600 bis 7.400 Euro pro Person.
Wo Newman angreifbar ist
Fair bleibt die Sache nur mit den Schwächen. Newmans Arbeit liegt seit 2019 als Vorabdruck vor und ist bis heute in keiner Fachzeitschrift erschienen. Nach seiner Darstellung haben die Gutachter sie 2025 mehrheitlich angenommen, die Gegenseite spricht von Ablehnung. Der Demograf Ken Wachter von der Universität Berkeley wendet ein, dass Newman mit Zahlen ganzer Staaten und Provinzen rechnet und nicht mit den einzelnen Dörfern. Der Einwand trifft. Ein Zusammenhang über eine ganze Region beweist keinen Betrug bei einer bestimmten Hundertjährigen in Sardinien. Auch sind die Zusammenhänge, die Newman findet, nur mittelstark. Armut erklärt in England und Frankreich etwa die Hälfte der Unterschiede zwischen den Regionen.
Was bleibt, reicht trotzdem. Die Altersangaben hinter den Blue Zones sind zu unsicher, um daraus Regeln für dein Leben abzuleiten.
Was das für dein Training heißt
Die gute Nachricht ist unspektakulär. Dass Bewegung, Kraft, guter Schlaf, Nichtrauchen, wenig Alkohol, eine überwiegend pflanzliche Ernährung und Menschen um dich herum dein Leben verlängern, zeigen Studien mit sauber gemessenen Daten, mit Fitnesstests, Blutwerten und Trainingsgruppen, die über Jahre begleitet werden. Keiner dieser Befunde hängt an einer sardischen Geburtsurkunde. Das gilt auch für meine Vermutung mit der Gemeinschaft. Dass Rückhalt und das Gefühl, gebraucht zu werden, gesund halten, ist für sich gut belegt, die Blue Zones braucht es dafür nicht.
Ich mag die Geschichte von den Blue Zones nach wie vor und brauche sie trotzdem nicht, um zu erklären, warum Kniebeugen mit 60 eine gute Idee sind. Wie das bei uns konkret aussieht, zeigt unser Programm Fit im besten Alter.
Gut belegt: Bewegung, Kraft, guter Schlaf, Nichtrauchen, wenig Alkohol, eine überwiegend pflanzliche Ernährung und Rückhalt durch andere Menschen verlängern das Leben. Das zeigen Studien mit sauber gemessenen Daten.
Wacklig: die Altersangaben hinter den Blue Zones. Newmans Analyse ist ein Vorabdruck, bisher in keiner Fachzeitschrift erschienen, und rechnet mit ganzen Regionen statt mit einzelnen Dörfern.
- Saul Justin Newman, „Supercentenarian and remarkable age records exhibit patterns indicative of clerical errors and pension fraud", bioRxiv, Vorabdruck 10.1101/704080, Version 4 vom 3. November 2025. biorxiv.org
- Lutz Hertel, „Blue Zones. Eine Geschichte, die ich gerne geglaubt hätte", LinkedIn, 13. Oktober 2026. linkedin.com
- Steven Austad und Giovanni Pes, The Gerontologist 65 (12), 2025, zitiert nach Hertel. academic.oup.com